Alpine Idyllen in stürmischen Zeiten: Der Maler William Turner hat im bewegten 19. Jahrhundert mit seinen Bildern unsere Vorstellungen von der pittoresken Innerschweiz geprägt – und den touristischen Blick gleich mit.

William Turner: «Lucerne with Pilatus beyond» (ca. 1841/44; Bleistift, Aquarell und Gouache auf Papier, 24.4 x 30.9 cm). (Bild: © Tate, London, 2019)

William Turner, hat der Kunsthistoriker John Gage geschrieben, war der erste «professionelle Tourist». Sein Aufstieg zum erfolgreichen Maler fand genau in denselben Jahrzehnten statt wie die Entstehung des modernen Tourismus. Nach dem Ende der Napoleonischen Kriege setzten sich in Europa immer grössere Menschenmengen in Bewegung. Sie reisten dorthin, wo es besonders schön und eindrucksvoll war: nach Italien, an den Rhein, und vor allem in die Schweiz.

Schweizerreisen waren unter Gebildeten seit den 1770 Jahren immer populärer geworden. Eine Attraktion war Luzern aber noch nicht. «Die Strassen sind schlecht gepflastert und krumm», schrieb der französische Gelehrte Roland de la Platière 1778: Die Einwohner kleideten sich nach französischer Art; die Alten trügen sogar noch Perücken. Wenig freundliche Worte für die Stadt fand auch der Göttinger Professor Christoph Meiners 1782. Es gäbe darin keine Gegenstände, die einen neugierigen Reisenden aufhalten könnten. Die Gemälde auf den Brücken seien von sehr unterschiedlicher Qualität; die Brücken selbst aus der Nähe «enge, stinkend, ohne alle Pracht». So vorteilhaft die Stadt von der Seeseite anzusehen sei, meinte ein anderer Reisebericht 1790, so traurig sei sie im Inneren. Um die Wissenschaften sei es sehr schlecht bestellt: «In dieser Hauptstadt frägt man umsonst nach einem Buchladen.» Arthur Schopenhauer wurde in seinem Reisetagebuch 1804 noch ein bisschen deutlicher: «Ein kleines, schlecht gebautes, menschenleeres Städtchen. Aber die Aussicht ist göttlich.»

Arthur Schopenhauer schrieb 1804 über Luzern: «Ein kleines, schlecht gebautes, menschenleeres Städtchen. Aber die Aussicht ist göttlich.»
Valentin Groebner, Professor für Geschichte mit Schwerpunkt Mittelalter und Renaissance

Die idyllische freiheitsliebende Schweiz war aus der Nähe betrachtet alles andere als idyllisch, und auch nicht besonders freiheitlich. Sie erlebte rasante Umbrüche: Umsturz des Ancien Régime 1798, Besetzung durch französische Truppen, Wiederherstellung der alten Ordnung 1815 und die Wende zur liberalen Ordnung 1831, die Luzern als einziger Innerschweizer Ort mitmachte.

1836 erschien der Reiseführer «Die klassischen Stellen der Schweiz und deren Hauptorte, in Originalansichten dargestellt». Luzern war darin prominent vertreten, der Autor schwärmte von der Schönheit der Umgebung. Die Stadt selbst sei aber «einfach und glanzlos gebaut». Sie sei früher grösser gewesen als heute, werde aber immer noch von einer kleinen Gruppe von Ortsbürgern regiert; Gemeindsbürger, Schweizer aus anderen Kantonen und die zahlreichen Ausländer hätten überhaupt keine Rechte. 

Der Mann, der das schrieb, hiess Heinrich Zschokke, und er kannte sich aus: Er hatte von 1798 bis 1801 in verschiedenen Ämtern für die Helvetische Regierung in Luzern gearbeitet und Geschichtswerke, Romane und Erzählungen geschrieben. Während er an seinen «Klassischen Stellen der Schweiz» arbeitete, bahnten sich dramatische Veränderungen an. Der Geschäftsmann Xaver Grob eröffnete 1834 den «Schwanen», das erste Hotel, das nicht mehr auf die alte Stadt und die Reuss ausgerichtet war, sondern auf den See und auf die Berge. Weil die mittelalterliche Hofbrücke seinen noblen Gästen die Aussicht versperrte, erwirkte Grob, dass sie 1835 teilweise abgerissen wurde – genau rechtzeitig vor Eröffnung der Sommersaison. Im selben Jahr war auch die Dichterin Annette von Droste-Hülshoff in der Schweiz. In ihren Briefen schwärmte sie von der Landschaft, aber die allzu theatralischen Inszenierungen störten sie. «Es macht nur wenig Spass, einer Schweizerin» (da ist sie wieder, als Attraktion) «fünf Batzen zu geben, damit sie sich in ihre eigene Nationaltracht maskiert.»

William Turner: «The Blue Rigi, Sunrise» (1842; Aquarell auf Papier, 29.7 x 45 cm). (Bild: © Tate, London, 2019)

Das Erleben der ursprüngliche Alpen war nicht das Gegenteil der touristischen Erschliessung, sondern ist erst durch den Fremdenverkehr entstanden. Das Luzerner Seeufer, die auf William Turners Bildern so prominent abgebildet ist, wurde radikal umgekrempelt dadurch, dass sie zur Attraktion wurde. Die Aussicht von Turners Zimmer im Hotel Schwanen – «The Blue Rigi», jetzt im Kunstmuseum zu sehen und zurzeit das teuerste Aquarell der Welt – war erst durch den Abriss der mittelalterlichen Stadtbefestigung möglich geworden. Touristische Bilder verändern das, was sie zeigen.

Fremdenverkehr lebt seither von Bildern vermeintlich zeitloser Idyllen. Gleichzeitig beruht er auf modernen Verkehrsmitteln: Die Suche nach der stehen gebliebenen Idylle von Früher und die technische Beschleunigung widersprechen sich nicht, sondern verstärken einander gegenseitig. Tourismus beruht auf der Fiktion, dass die Besucher an einem bestimmten Ort in die Vergangenheit eintauchen könnten, aber ohne dass ihre eigene Zugehörigkeit zur Moderne in Frage gestellt wird: Im Urlaub läuft die Zeit für einmal nicht unablässig ab, sondern lässt sich stillstellen lässt und nach Belieben zurückdrehen. 

Die Jahrzehnte, in denen Turner seine idyllischn Bilder malte, waren die Jahre der ersten Auswanderungswellen aus der bitterarmen Innerschweiz, in der es nach 1816 Hungertote gab. Es waren auch die Jahrzehnte der organisierten Vertreibung landloser Armen aus den Gemeinden und heftiger innerer Unruhen, die 1844 und 1845 in Luzern in den Freischarenzügen mit über 100 Toten gipfelten; 2000 Verhaftete, 755 Verurteilungen; das alles vor dem Hintergrund einer Wirtschaftskrise und extrem gestiegener Lebensmittelpreise. 

Ist das auch alpine Idylle? Ein Freund und Förderer William Turners, der britische Kunstschriftsteller John Ruskin, hat dieses besondere Verhältnis zwischen dem intensiven touristischen Erlebnis und der radikalen Veränderung schon sehr früh auf den Begriff gebracht. Den ersten Band seiner berühmten Buchreihe «Modern Painters» hatte er den Bildern William Turners gewidmet. Im vierten Band beklagte er 1856 die Zerstörung der Berge durch ihre unzähligen Besucher, rund um den Mont Blanc bis ins Berner Oberland und der Innerschweiz. Er könne vorhersehen, schrieb er, dass binnen weniger Jahre die Stadt Luzern nur noch aus langen Reihen von gleichförmigen Hotels bestehen werde; und dort würden all die aufgeklärten Reisenden sich im Angesicht der Alpen amüsieren – «beim Totentanz». 

Der Tourismus ist in Luzern sakrosankt, weil er der Region eine selbst gemachte künstliche Vergangenheit lieferte.

Tourismus ist von Beginn an die Industrie des schlechten Gewissens angesichts der Zerstörung durch die eigene Schaulust am Alten. Turner hat sie in seinen Bildern effektvoll visualisiert für jenes zahlungskräftige Publikum, das italienische Ruinen, dramatische Meeresküsten und Hochgebirgsgletscher eben auch live sehen wollte, mit Dampfschiff und Eisenbahn. Tourismus ist seither eine bilderproduzierende Endlosschleife. Auch das ist schon den Reisenden vor 150 Jahren aufgefallen. «Alle Länder, die es wert sind, besichtigt und erforscht zu werden», schrieb ein französischer Schriftsteller 1860, «sind pausenlos von Strömen von Reisenden übervölkert.»

In der Innerschweiz ist der Tourismus bis heute unantastbar. Das hat weniger damit zu tun, dass er so profitabel gewesen wäre – im Gegenteil, der Fremdenverkehr hatte abrupte Boom-and-bust-Zyklen, mit ordentlichen Crashs 1871, 1914 oder 1929. Besonders nachhaltig war er nie, und profitable Jobs lieferte er nur für einige wenige, die meisten waren – wie heute – schlecht bezahlte Saisonarbeiten. 

Der Tourismus ist in Luzern sakrosankt, weil er der Region eine selbst gemachte künstliche Vergangenheit lieferte. Die idyllischen Bilder von Turner und seinen Kollegen haben die komplizierte und insgesamt eher düstere Geschichte des Kantons Luzern in der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts – Armut, massenhafte Auswanderung, Unruhen, Bürgerkriege, politische Morde – wie von Zauberhand verschwinden lassen und Stadt und Region in die Wunderwelt einer guten alten Zeit versetzt: einer guten alten Zeit, die es niemals gegeben hat, die aber bis heute umso stärker nachwirkt.


Kurzfassung des Vortrags «‹Ein schlecht gebautes, menschenleeres Städtchen ... aber die Aussicht ist göttlich.› Luzern und die Fremden vor dem Boom», gehalten am 18. September 2019 im Rahmen der Ringvorlesung «Stürmische Zeiten» an der Universität Luzern (siehe Box)

Foto Valentin Groebner

Valentin Groebner

Professor für Geschichte mit Schwerpunkt Mittelalter und Renaissance

unilu.ch/valentin-groebner

Ringvorlesung zu William Turner und seiner Zeit

Abgestimmt auf die zurzeit im Kunstmuseum Luzern laufende Ausstellung mit Werken von William Turner (1775–1851), führt die Universität eine öffentliche Vortragsreihe durch. Fünf Universitätsangehörige verschiedener Fachrichtungen betrachten einzelne Facetten Luzerns und der Zentralschweiz zur Zeit Turners. Bereits stattgefunden haben die Referate von Valentin Groebner und von Jon Mathieu, emeritierter Titularprofessor für Geschichte mit Schwerpunkt Neuzeit, der über «Schrecklich-schöne Alpen: J. M. W. Turners ‹delightful horror›-Bilder von 1802–1812» sprach. Es folgen noch drei Vorträge: 

  • 25. September: «Von der Entdeckung der Natur durch das Recht: Ästhetik und Technizität in der Innerschweizer Natur- und Landschaftsschutzgesetzgebung» von Roland Norer, Ordinarius für Öffentliches Recht und Recht des ländlichen Raums
  • 3. Oktober: «Auf dem Weg zum Bundesstaat: Die 1840er-Jahre aus verfassungsgeschichtlicher Perspektive» von Michele Luminati, Ordinarius für Rechtsgeschichte und Rechtstheorie
  • 9. Oktober: «Waren die Jesuiten ‹staatsgefährlich›? Der ‹Jesuitenparagraph› Art. 51 Abs. 2 in der Bundesverfassung von 1874» von Adrian Loretan, Professor für Kirchenrecht und Staatskirchenrecht; inklusive Podiumsdiskussion

Im Anschluss an die Vorträge vom 25. September und 3. Oktober besteht die Möglichkeit zur Teilnahme an einer Führung durch die Ausstellung im Kunstmuseum (max. 50 Personen). (red.)

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