Meinrad Furrers beruflicher Werdegang ist äusserst vielfältig – sogar als singender Wanderkoch ging der 54-Jährige auf Tour. Wichtig war dem heutigen Spiritualitätsbeauftragten immer, seine Fähigkeiten und Leidenschaften miteinander verbinden zu können.

Meinrad Furrer
Meinrad Furrer bei einem Besuch der Zionskirche in Berlin. (Bild: Vera Rüttimann)

Meinrad Furrer, Sie haben von 1985 bis 1990 in Luzern und Paris Theologie studiert. Wie haben Sie damals Luzern als Studienort erlebt?

Meinrad Furrer: Der Studienbetrieb war klein und übersichtlich, die Universität in der heutigen Form mit den vier Fakultäten gab es damals ja noch nicht. [Die Vorgängerinstitution hiess «Theologische Fakultät Luzern»; Anm. d. Red.] Man hat schnell Gesprächspartner gefunden und konnte so in eine Diskussionskultur eintauchen: einerseits mit Studierenden aus dem Ausland, insbesondere aus Deutschland, deren Eloquenz und Ausdrucksfähigkeit mich beeindruckt haben. Andererseits natürlich auch mit Professorinnen und Professoren. Da erinnere ich mich an viele spannende Diskussionen.

Was hat Sie damals bewogen, gleich nach der Kantonsschule Theologie zu studieren?

Das ist eine lange Geschichte! Zusammengefasst: Ich stamme aus einer Bauernfamilie und bin auf dem Land im Kanton Luzern, in Beromünster, aufgewachsen. In diesem Milieu gibt es eine Art «geheimes Skript»: nämlich, dass einer der Söhne Pfarrer wird. Nur ist es so, dass dieser Plan in meiner Familie nie aufging. So hat es sowohl bei meinem Grossvater als auch bei meinem Paten nicht funktioniert. Die Erwartung war natürlich irgendwie geblieben, und da mich meine Familie schon früh als eine Art «Seelsorger-Typ» wahrgenommen hat, wurde ich in diese Richtung gefördert; vor Studienbeginn habe ich mich allerdings auch mit alternativen Studienrichtungen auseinandersetzt. Durch das Theologiestudium habe ich ausserdem die spirituelle Seite an mir entdeckt und dass ich jemand bin, der viel philosophisch reflektiert und hinterfragt. Mit diesen Eigenschaften kam ich im Theologiestudium voll auf die Rechnung. Ausserdem hatten wir in der Pfarrei eine Jugendarbeit, die mich sehr angesprochen und geprägt hat. All diese Umstände haben sicher dazu beigetragen, dass ich Theologie studiert habe.

«Die Öffnung der christlichen Theologie gegenüber dem Atheismus, den Naturwissenschaften und den anderen Religionen fasziniert mich ebenso wie die praktische Spiritualität.»
Meinrad Furrer

Wenn Sie wieder vor der Studienwahl ständen, wäre es heute erneut Theologie als Vollstudium oder würden Sie Theologie mit einem Nebenfach kombinieren oder gar eine andere Studienrichtung wählen?
    
Das wäre wieder Theologie und sicher mit einem Nebenfach, wobei ich spontan nicht sagen könnte, welches ich wählen würde. Nach dem Theologiestudium habe ich noch eine Weiterbildung absolviert, den MAS «Spirituelle Theologie mit interreligiösen Prozessen». Die Öffnung der christlichen Theologie gegenüber dem Atheismus, den Naturwissenschaften und den anderen Religionen fasziniert mich ebenso wie die praktische Spiritualität: Wie gehe ich mit der Stille und dem Atem um und so weiter. Was ich in der christlichen Theologie nach wie vor vermisse, sind die Aspekte der Körperlichkeit, auch wenn diese schon besser berücksichtigt werden als auch schon.

Das Studium haben Sie 1990 in Luzern abgeschlossen; heute sind Sie Beauftragter für Spiritualität von Katholisch Stadt Zürich und als Ritualbegleiter selbstständig tätig. Was waren die beruflichen Stationen dazwischen?

Gleich nach dem Studium konnte ich mir nicht vorstellen, im kirchlichen Dienst tätig zu sein. Ich war neun Jahre Lehrer für Religion und Philosophie und Internatsbetreuer am Gymnasium Immensee. Zwischenzeitlich arbeitete ich als Betreuer in einem Heim für Menschen mit Behinderungen und in einem Altersheim, danach als Religionslehrer, als Sänger und als Musiker und als singender Störkoch. Später war ich Pastoralassistent und Gemeindeleiter in einer Pfarrei, wirkte als Sprecher beim «Wort zum Sonntag» beim SRF und engagierte mich als Seelsorger in der offenen Predigerkirche in Zürich. Heute bin ich als Beauftragter für Spiritualität der «Kirche urban» von «Katholisch Stadt Zürich» tätig. Bei all diesen verschiedenen Tätigkeiten war es mir immer wichtig, meine Fähigkeiten und Leidenschaften miteinander verbinden zu können und in meine berufliche Tätigkeit einfliessen zu lassen.

Unter all diesen beeindruckend vielfältigen und zahlreichen Tätigkeiten kann ich mir immer etwas vorstellen, aber was bitte ist ein singender Störkoch?

Ich bin zu Leuten nach Hause gegangen, habe für sie gekocht und passend zum Gericht die entsprechende Musik gemacht, singend serviert – natürlich inklusive Abwasch.

Was fasziniert Sie an Ihren jetzigen Tätigkeiten?

Die Themen Abschied und Neubeginn. Ich kann Menschen dabei begleiten und diesen existenziellen und besonderen Momenten Sprache verleihen und meine Kreativität und Empathie ausleben. Bei der «Kirche urban» habe ich die Möglichkeit, neue Projekte zu entwickeln und verschiedene Disziplinen wie beispielsweise Kunst und Theologie in einen Dialog zu bringen. Zurzeit realisieren wir in Zusammenarbeit mit der Zürcher Hochschule der Künste das Projekt «Spiritualität im Kirchenraum» und die App «3:33 WEILER – Die App zum Verweilen», die an ganz verschiedene spirituelle Orte in der Stadt Zürich führt. In diesem Zusammenhang bin ich auch im ökumenischen Zwingli-Projekt tätig, und ich gestalte die Gottesdienste an der Pride und an der Street Parade.

Felix Hunger
Vorsteher der Sektion Theologische Fakultät der ALUMNI Organisation der Universität Luzern. Er hat in Luzern und Rom Theologie studiert, wirkt als Pfarradministrator in Pfäffikon ZH und absolviert berufsbegleitend einen MAS in Coaching und Organisationsberatung am Institut für Angewandte Psychologie an der Zürcher Hochschule für Angewandte Wissenschaften.

Meistgelesen