Bildungsgerechtigkeit und das Anerkennen von Unterschieden schliessen sich nicht aus, sondern bedingen sich gegenseitig: In dieser neuen Perspektive auf Differenz gründet sich das heutige Potenzial des Begriffes der Anerkennung.

Der Wunsch nach Anerkennung ist ein grundlegendes menschliches Bedürfnis und seine Erfüllung Voraussetzung für die Entwicklung von Identität und gelingenden Sozialbeziehungen. Der Begriff «Anerkennung» hat in letzter Zeit über den Bereich der Psychologie hinaus Karriere gemacht und ist zu einem Schlüsselbegriff für die Bewältigung der Herausforderungen des Zusammenlebens in der globalen pluralisierten Gesellschaft geworden.

Abwärtsspirale statt Homogenität

Für die Pädagogik ist der Umgang mit Heterogenität in Bildungsprozessen ein zentrales Thema. Der Versuch, durch Selektion homogene Lerngruppen zu etablieren, ist als gescheitert zu betrachten. Die Exklusion «unpassender» Schülerinnen und Schüler führt keineswegs zur gewünschten Homogenität, sondern in eine Abwärtsspirale von Frustration und nachhaltiger Lernunlust. Die Ergebnisse der PISA-Studien, bei denen integrative Bildungssysteme regelmässig besser abschneiden, scheinen dies zu bestätigen. Auf diesem Hintergrund hat sich laut Annedore Prengel und anderen Forschenden eine «Pädagogik der Vielfalt» entwickelt, die auf dem Grundprinzip der Anerkennung von gleichberechtigten Differenzen beruht. Unterschiede werden nicht nur sichtbar, sondern erhalten Legitimität bei der Planung von Bildungsprozessen. Ihre Voraussetzung bildet die Wahrnehmung vielfältiger Identitäten und Identifizierungen, welche beim Lernen relevant werden, Anerkennung ist ihre Grundbewegung. Dieses Konzept löst bisherige Sonderpädagogiken für Frauen, Minderheitskulturen oder Menschen mit Behinderung ab und ist als Bildungskonzept für alle zu verstehen.

Die politische Philosophie weist auf die Bedeutung der Anerkennung für kollektive Identitäten hin, zum Beispiel Ethnien oder Bevölkerungsgruppen, die besonderen Schutz beanspruchen oder einen eigenen Staat gründen wollen. Im gesellschaftlichen Bereich etwa bedeuten Eheschliessung und Adoption für Homosexuelle die Möglichkeit, ihr Leben als anerkannte Familie zu gestalten. Axel Honneth zufolge handelt es sich dabei um eine rechtliche Anerkennung, welche diejenigen, die um diese Anerkennung ersuchen, zu handlungsfähigen Subjekten in einem definierten Sinne macht. Für Honneth basiert jede Individuierung und Selbstständigkeit auf Anerkennung. Neben der rechtlichen Sphäre gilt dies für affektive Sozialbeziehungen wie für die Gesellschaft, die nur durch Anerkennung als soziale Wertschätzung zu einer Wertegemeinschaft werden kann.

Anerkennung ist ein notwendiges moralisches Gut, dessen Einlösung als positiv angesehen wird.

Gemeinsam ist den Ansätzen der Pädagogik und der politischen Philosophie, dass Erfahrungen der Missachtung und Entwertung als schädlich für das Individuum, eine Gruppe oder den Staat angesehen werden. Insofern ist Anerkennung ein notwendiges moralisches Gut, dessen Einlösung als positiv angesehen wird. Das Potenzial des Begriffes der Anerkennung liegt jedoch in der neuen Perspektive auf Differenz. Das Argument der Berücksichtigung von Differenzen (Begabungen, Vorlieben usw.) wird bildungspolitisch traditionell von Befürworterinnen und Befürwortern eines selektiven und segregativen, also trennenden Bildungssystems in Anschlag gebracht. Das Argument der Gleichheit, etwa als Menschenrecht, wird eher von Befürwortern von Bildungsgerechtigkeit vorgebracht. Demgegenüber betont die Pädagogik der Vielfalt, dass Bildungsgerechtigkeit und Anerkennung von Unterschieden sich nicht ausschliessen, sondern gegenseitig bedingen. Unterschiede sind in nicht-hierarchischer Weise anzuerkennen. Diese Anerkennung muss sowohl strukturell verankert wie auch als gemeinsame Haltung gefördert werden. Ziel ist dabei nicht «Integration» von Unterschieden in eine Einheitsvorstellung, sondern Inklusion von Verschiedenem im Lernprozess, und damit die Etablierung einer gemeinsamen Wertgrundlage.

Essenzielle gemeinsame Wertegrundlage

Die für die Pädagogik beschriebene Anerkennung gleichberechtigter Differenzen kann auf gesellschaftliche und kulturelle Vielfalt übertragen werden. Allerdings beinhaltet sie einen nicht einfach auflösbaren Widerspruch. Wie kann nämlich der Wahrheitsanspruch des Anderen anerkannt und der eigene nicht aufgegeben werden, ohne dass die gemeinsame Wertegrundlage auf dem Spiel steht? Demokratische Mehrheits- und Kommunikationsregeln sind eine Form, damit umzugehen, heben jedoch konkurrierende Wahrheitsansprüche nicht auf. In der Dynamik dieses Widerspruchs, der nicht auf Überbietung oder Überwältigung aus ist, steckt enormes Veränderungspotenzial.

Mögliches Instrument der Macht

Auch in anderer Hinsicht ist Anerkennung nicht einfach Bestätigungshandeln. Anerkennung kann zu einem Instrument der Macht werden, weil sie gleichzeitig ein Akt normativen Urteilens ist, der mit Erwartungen verbunden ist. Eine Religionsgemeinschaft wird öffentlich-rechtlich anerkannt, muss sich aber auch demokratisch strukturieren. Die Anerkennung als Bürgerin oder Bürger bedeutet nicht nur Rechte, sondern auch Pflichten. Ein Mädchen wird gelobt, weil es brav und mitfühlend ist; eine Anerkennung, die Geschlechtsstereotypen bestätigt. Gerade aber weil Menschen und Gruppen nach Anerkennung lechzen, kann sie auch zur Beschwichtigung und Ruhigstellung missbraucht werden.

Trotz der oben nur kurz angedeuteten Ambivalenz von Anerkennung kommen die Veränderungsprozesse, die angesichts der dynamischen Vielfalt der Gesellschaft, ihrer Institutionen und Gruppen gestaltet werden müssen, ohne eine Kultur der Anerkennung nicht aus, allerdings unter Bedingungen. Sie hat erstens zu berücksichtigen, dass ein Akt der Anerkennung nicht das Ganze des Anderen erfassen kann und dass die so gestiftete Identität nicht statisch ist. Zweitens darf der Akt des Anerkennens nicht nur denen vorbehalten sein, welche die Deutungshoheit innehaben, sondern muss als subversiver Akt eingeübt werden. Drittens erfordert eine Kultur der Anerkennung echtes Interesse, eine Motivation des Kennen-Wollens angesichts der Unmöglichkeit, den Andern vollends zu erkennen.

Über die Thematik spricht Monika Jakobs, die in diesem Sommer nach 21 Jahren als Professorin emeritiert wird, auch an ihrer Abschiedsvorlesung. Diese findet voraussichtlich, nachdem sie zunächst verschoben worden ist, am 16. September statt zu «SCHAU.MICH.AN. Reflexion zu einer Kultur der Anerkennung für das Leben und Lernen in Vielfalt». www.unilu.ch/abschiedsvorlesung-jakobs

Foto Monika Jakobs

Monika Jakobs

Professorin für Religionspädagogik und Katechetik, Leiterin des Religionspädagogischen Instituts
unilu.ch/monika-jakobs

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