Ohne eine ganzheitliche Betrachtung kann der Schutz von Weltkultur- und Weltnaturerbe ungewollte Effekte nach sich ziehen. Hier setzt ein vom Ethnologischen Seminar der Universität Luzern aus koordiniertes Forschungsprojekt an.

Ethnologie Peter Bille Larsen, Herausgeber des Sammelbandes "World Heritage and Human Rights".

Seit 1972 die UNESCO das "Übereinkommen zum Schutz des Kultur- und Naturerbes der Welt" verabschiedet hat, wurden über tausend Stätten zu Weltnatur- oder Weltkulturerbe erklärt. Der Schutz dieses Erbes ist zweifellos oft im Interesse der lokalen Bevölkerung. Doch zuweilen hat er unbeabsichtigte Folgen für die Menschen, die in und um diese Orte leben. Manchmal tangieren Schutzmassnahmen gar fundamentale Grundrechte – indem sie deren Einhaltung fördern oder aber auszuhebeln drohen.

Mehr als ein Naturwunder

Ein Beispiel aus Vietnam veranschaulicht die komplexen Auswirkungen des Versuchs, einzigartige Landschaften zu schützen. Teile des Nationalparks Phong Nha Ke Bang wurden 2003 durch die UNESCO in die Liste der Weltnaturerbe-Stätten aufgenommen. Die mit tropischen Wäldern überwucherten Berge ragen eindrücklich in die Höhe, doch unter ihnen findet sich ein zweites Wunder: unterirdische Flüsse, uralte Kalksteinkarste und ein riesiges Höhlennetzwerk. Mitten im Nationalpark liegt ein kleines Dorf, das von Angehörigen der ethnischen Minderheit der Arem bewohnt wird. Während die Region insgesamt vom boomenden Tourismus profitiert, ist bei den Dorfbewohnerinnen und -bewohnern nichts von neuem Wohlstand zu sehen. Und doch bekommen die Menschen die Bemühungen, die einzigartige Landschaft zu schützen, empfindlich zu spüren.

Die Regulierungen im Park und insbesondere in den durch die UNESCO geschützten Gebieten führen dazu, dass die dort lebenden indigenen Völker seit Generationen überlieferte Bräuche nicht mehr praktizieren dürfen. So gingen die Arem beispielsweise jeweils im Frühling in der Höhle der Schwalben auf die Jagd nach Jungvögeln. Aus Lianen stellten sie Kletterhilfen her, die das Erklimmen der steilen Wände ermöglichten. Doch heute ist Ruc Tuong, wie die Höhle der Schwalben in der Sprache der Arem heisst, eine Touristenattraktion. Das Jagen ist verboten, obwohl die Arem die Bestände nicht übermässig beansprucht hatten und ein nachhaltiger Umgang mit den Tieren für den Erhalt des Brauchs schon immer unerlässlich war. Der Schutz der Natur wird über das Recht der Menschen gestellt, gemäss ihren Traditionen zu leben, das soziale Gefüge gerät aus dem Gleichgewicht.

Mosaiksteine zusammentragen

Geschichten wie jene der Arem gibt es viele. Landschaften und die Natur zu schützen kann zwar zentral sein, um die Lebensgrundlage von indigenen Völkern zu erhalten. Die Praxis kann aber auch das Ende jahrhundertealter Traditionen bedeuten. Oder aber dazu führen, dass der Zugang zu Bildung oder medizinischer Versorgung für Menschen in geschützten Gebieten erschwert wird: Ist beispielsweise der Ausbau von Verkehrsverbindungen verboten, kann dies die Erreichbarkeit von Schulen und Spitälern behindern. 

Der Grat zwischen Bewahren und dennoch Entwicklung zu ermöglichen, ist oft sehr schmal. Darum braucht es ein weitreichendes Verständnis der Folgen der Praxis, Weltkultur- und Weltnaturerbe zu schützen. Dieses Verständnis zu schaffen ist das zentrale Anliegen des Projekts "Understanding Rights Practices in the World Heritage System. Lessons from the Asia Pacific". Neben der Universität Luzern, von der aus das Projekt koordiniert wird, sind auf akademischer Seite auch die Norwegian University of Science and Technology, die University of Queensland, Deakin University and University of Southern Queensland sowie die Vietnam Academy of Social Sciences beteiligt.

Miteinbezug der institutionellen Sicht

Eine Stärke des Projekts liegt darin, dass auch institutionelle Partner ihre Perspektiven direkt einfliessen lassen können. Als zentraler Player ist das World Heritage Centre der UNESCO dabei, dazu kommen die International Union for the Conservation of Nature (IUCN), der International Council on Monuments and Sites (ICOMOS) sowie ICOMOS Norway. Ebenso angeschlossen ist das International Centre for the Study of the Preservation and Restoration of Cultural Property (ICCROM). So entsteht ein Netzwerk von Perspektiven, das die heutige Praxis zu verstehen und die künftige zu formen in der Lage ist. Finanziert wird das Projekt zu substanziellen Teilen durch das Swiss Network for International Studies (SNIS).

2017 wurde mit der Publikation des von Dr. Peter Bille Larsen, Oberassistent am Ethnologischen Seminar, herausgegebenen Sammelbandes "World Heritage and Human Rights" ein wichtiges Etappenziel erreicht. Das Buch trägt Forschungsarbeiten der vergangenen Jahre zusammen und beleuchtet die komplizierten Beziehungen zwischen Welterbe und Menschenrechten aus unterschiedlichen Blickwinkeln. Das Buch spiegelt die im Projekt angelegte Interdisziplinarität; beteiligt sind neben der Ethnologie auch Forschende aus diversen weiteren Fachbereichen, etwa der Architektur, Archäologie, Geografie und den (Luzerner) Rechtswissenschaften. Der Sammelband schärft durch die Verbindung der diversen fachlichen Perspektiven und detailreichen Analysen der Praxis mittels Fallstudien den Blick für die Vielfalt der Menschenrechtsfragen im Zusammenhang mit Weltnatur- und Kulturdenkmälern. Allem voran gelingt es, Brücken zu schlagen zwischen der Arbeit von Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftlern sowie der Praxis von Policy-Verantwortlichen. Diese Vernetzung von Wissen ist von zentraler Bedeutung sowohl für die Weiterentwicklung der Praxis wie auch jene der wissenschaftlichen Perspektiven.

Studierende in Forschung eingebunden

Im Rahmen des Projekts leisteten auch Luzerner Studierende wertvolle Beiträge. So konnte etwa Sara Dürr, die während ihrem Studium das Projekt als studentische Hilfskraft unterstützte, die Ergebnisse ihrer Masterarbeit gemeinsam mit der Luzerner Ethnologieprofessorin Dr. Bettina Beer im Sammelband veröffentlichen. Sara Dürr forschte in Vigan City auf den Philippinen zu den Auswirkungen von lokaler Welterbepolitik auf Projekte, die Armut bekämpfen sollen. Und Weltkulturerbepolitik, so zeigt ihre Arbeit eindrücklich, ist auch als Werkzeug für Entwicklung(-shilfe) zu gebrauchen – dann, wenn kluge Entscheidungen getroffen werden (was auch in Vigan City nicht immer gelingt). Dieses Wissen an die richtigen Stellen zu bringen, bleibt eine Herausforderung – eine, zu deren Bewältigung Luzerner Forschung massgeblich beitragen will.


Quelle: Jahresbericht der Universität Luzern 2017, Mai 2018, S. 24–26.
Artikel (pdf)