Mit dem Luzerner Biblisch-Liturgischen Kommentar (LuBiLiKOM) zum Ordo Missae wird die Wechselbeziehung zwischen Liturgie und Bibel in den Texturen der Eucharistiefeier erstmals aufgedeckt und erschlossen. Methodisch ist das Projekt konsequent interdisziplinär angelegt.

Dipl.-Theol. Jörg Müller und Prof. Dr. Birgit Jeggle-Merz.

Der Luzerner Biblisch-Liturgische Kommentar (LuBiLiKOM) zum Ordo Missae hat die feststehenden und immer wiederkehrenden Texte der Eucharistiefeier zum Gegenstand, die zu einem überwiegenden Teil biblisch inspiriert und geprägt sind. Die Liturgiekonstitution des Zweiten Vatikanischen Konzils betont, dass unter dem "Anhauch und Antrieb [der Heiligen Schrift] liturgische Gebete, Orationen und Gesänge geschaffen worden" sind und dass "aus ihr [...] Handlungen und Zeichen ihren Sinn" empfangen (SC 24). Überraschenderweise fehlt bislang ein Kommentar, der die Wechselbeziehung zwischen Liturgie und Bibel in den Texturen der Eucharistiefeier aufdeckt und erschliesst.

Die neutestamentliche Durchdringung der liturgischen Texte ist formal in unterschiedlicher Intensität gegeben: Neben wörtlichen biblischen Zitaten finden sich Anspielungen, textliche Weiterentwicklungen und entsprechende Kombinationen in den Texten des Ordo Missae. Da aber der Kontext des liturgischen Geschehens für die Deutung der jeweiligen biblischen Zitate ausschlaggebend ist, kann deren Bedeutung bewahrt und übernommen, aber auch modifiziert und weiterentwickelt, teilweise sogar verfremdet werden.

Festgeprägte Texte und formelhafte Redewendungen und Dialoge – gleichsam eine rituelle Routine – sind nach katholischem Liturgieverständnis unverzichtbar für gelingendes liturgisches Feiern. Gleichzeitig besteht jedoch die Gefahr der inhaltlichen Verflachung. Wenn die Zusammenhänge sowohl der sprechenden Person als auch den Hörenden und Antwortenden in ihrer Bedeutungsintensität nicht mehr voll bewusst sind, verlieren sie auf Dauer ihre Intention und letztlich auch ihren Zeugniswert.

Die Liturgiekonstitution führt weiter aus, dass die Erneuerung der Liturgie nur erfolgreich sein kann, wenn gleichzeitig das "innige und lebendige Ergriffensein von der Heiligen Schrift" gefördert wird. Ganz in dieser Linie sieht sich LuBiLiKOM: Die Untersuchungen und Forschungsergebnisse sollen vor allem zu einem vertieften biblisch-liturgischen Verständnis der Feier der Liturgie insgesamt und der Heiligen Messe im Besonderen führen. Geleitet wird das Projekt von Dr. Birgit Jeggle-Merz, Professorin für Liturgiewissenschaft, und Dr. Walter Kirchschläger, emeritierter Professor für Exegese des Neuen Testaments. Die Koordination übernimmt Jörg Müller, wissenschaftlicher Mitarbeiter an der Professur für Liturgiewissenschaft. Das Projekt wird durch eine Stiftung unterstützt.

Methode und Vorgehensweise

Als methodische Wegleitung für die Untersuchung und Kommentierung lässt sich folgende Frage heranziehen: "Verstehst du eigentlich, was du hörst, sprichst und feierst?" So wird bei einem/einer zu betrachtenden liturgischen Abschnitt/Text/Formel zunächst die jeweilige biblische Quellenlage identifiziert und exegetisch analysiert, um den biblischen "Sitz im Leben" und die damit verbundenen Bedeutungszusammenhänge herauszuarbeiten. Diese Ergebnisse werden dann in einem zweiten Schritt auf die konkrete Feier der Liturgie übertragen und dort hinsichtlich der Verwendung und des Verständnisses im liturgischen Kontext untersucht und gedeutet. Dabei zeigt sich, wie das biblische Verständnis im liturgischen Deutungshorizont übernommen wurde.

Ein kleines Beispiel: Der Eröffnungsruf der Messe ("Im Namen des Vaters ...") findet sich als Originalzitat nur am Ende des Matthäusevangeliums im Rahmen des Missionsauftrags Jesu. An der Schnittstelle zwischen Auferstehung und Erhöhung sendet er seine Jüngerinnen und Jünger aus, "alle Völker zu Jüngerinnen und Jüngern" zu machen, "indem ihr sie tauft auf den Namen des Vaters und des Sohnes und des Heiligen Geistes". Wenn nun eine liturgische Feier mit diesen Worten und der dazugehörenden Geste des Kreuzzeichens eröffnet wird, dann tun die Feiernden dies im Bewusstsein und zum Bekenntnis, als auf Jesu Christi getaufte Jüngerinnen und Jünger hier und jetzt im Gottesdienst versammelt zu sein.

Der methodische Ansatz der Forschung ist konsequent interdisziplinär, indem jeweils Bibelwissenschaftlerinnen und -wissenschaftler (vorrangig des Neuen Testaments) und Liturgiewissenschaftlerinnen und -wissenschaftler gemeinsam an der Kommentierung eines liturgischen Textes arbeiten. Gegebenenfalls werden Expertinnen und Experten benachbarter theologischer Fächer hinzugezogen: für die Jüdische Bibel, die Kirchengeschichte, die Dogmatik, die Kirchenmusik und/oder die Kunst. Die wissenschaftliche Herausforderung liegt vor allem darin, dass die einzelnen Expertenansichten nicht isoliert und unabhängig voneinander neben- bzw. nacheinander stehen, sondern dass die Ergebnisse ineinanderfliessen, sich gegenseitig bereichern und das Verständnis für die jeweils anderen Disziplinen vertiefen. So ist es deutlich aufwendiger, einen Kommentartext gemeinsam zu verfassen; die bisherigen Erfahrungen bestätigen allerdings den Mehrwert dieses Unterfangens. Diese Herangehensweise stellt tatsächlich ein Novum dar.

Die einzelnen zu kommentierenden Abschnitte, Formeln und Texte werden fortlaufend an Forschungsteams im ganzen deutschsprachigen Raum delegiert. Der wissenschaftliche Beirat, ein Gremium aus zehn Fachkolleginnen und -kollegen, ebenfalls aus dem gesamten deutschsprachigen Raum, begleitet das Projekt konstruktiv-kritisch. Hierzu werden die Mitglieder sowie die Mitarbeitenden der Forschungsteams einmal im Jahr zu einer Tagung eingeladen, an der sie die Arbeiten reflektieren und die Arbeitsweise weiterentwickeln.

Ergebnisse/Erträge

Als Ergebnis auf der wissenschaftlichen Ebene ist ein dreibändiges Kommentarwerk geplant. Der erste Band enthält die Ausführungen zum Eröffnungsteil der Messe, der zweite umfasst die Formeln und Gebete des Wortgottesdienstteils sowie der Gabenbereitung, der dritte behandelt die Rahmentexte des eucharistischen Hochgebets, die Kommunionfeier und die Entlassung. Dazu kommen mehrere Einzelstudien, darunter eine, die ausführlich das biblisch sehr stark inspirierte IV. eucharistische Hochgebet untersucht.

Auf Grundlage der wissenschaftlichen Untersuchungen entsteht etwas zeitversetzt die sogenannte Hinführung, eine sprachlich vereinfachte und inhaltlich verjüngte Version, mit der das pastoralliturgische Anliegen einer biblisch und liturgisch vertieften Feier der Eucharistie ermöglicht werden soll. Diese Version richtet sich an den grossen Kreis von Ehren- und Hauptamtlichen, die sich um eine authentische Feier der Liturgie bemühen.

Zurzeit laufen die Arbeiten an den Beiträgen zu Band I, der voraussichtlich im Herbst 2013 erscheint; die weiteren beiden Bände werden jeweils im Jahresrhythmus publiziert. Die Veröffentlichung der ersten Hinführung ist für die Adventszeit 2013 vorgesehen.

 

Quelle: Jahresbericht der Universität Luzern 2012, Juni 2013.
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