Die Forschung hat die sogenannten Gig-Worker, also unabhängige Arbeitnehmerinnen und Arbeitnehmer ohne Festanstellung, bislang weitgehend von der Betrachtung ausgeschlossen. Jetzt geraten sie mit einem innovativen Ansatz in den Fokus.

Dr. Manuela Morf, Oberassistentin am Center für Human Resource Management (CEHRM). (Bild: Roberto Conciatori)

Neuere Arbeitsformen wie projektbasierte Einsätze und Freelancing stellen das traditionelle Karriereverständnis infrage. Viele Arbeitnehmerinnen und Arbeitnehmer gehen heutzutage als sogenannte Gig-Worker unabhängig von Unternehmensgrenzen einer Arbeit nach. Was bestimmt den beruflichen und privaten Erfolg dieser Arbeitskräfte? Und wie können sie zur erfolgreichen Gestaltung ihrer Karriere befähigt werden? Ein neues Forschungsprojekt am Center für Human Resource Management sucht darauf Antworten.

Arbeiten zwischen Tür und Angel

Unabhängige Arbeitnehmerinnen und Arbeitnehmer ohne Festanstellung sind selten lange für dasselbe Unternehmen tätig. Diese Gig-Worker verweilen so lange bei einem Unternehmen, wie ihre Arbeitskraft benötigt wird. Danach ziehen sie weiter zum nächsten «Gig», oft mithilfe von Arbeitsmarktintermediären wie Temporäragenturen oder Online-Arbeitsvermittlungsplattformen. Diese Art der Arbeit gewinnt weltweit an Zuwachs und Relevanz. Der Trend wird stark von Entwicklungen in der Technologie (zum Beispiel der Digitalisierung) getrieben. Auch der Flexibilisierungsdruck auf die Unternehmen leistet einen Beitrag dazu, dass die Nachfrage nach flexibel einsetzbaren Arbeitskräften steigt.

Die Vorteile der Beschäftigung von Gig-Workern für die Unternehmen liegen auf der Hand: Ausgleich von Nachfrageschwankungen, kurzfristiger Ersatz für abwesendes Personal oder auch zeitweilige Inanspruchnahme von Expertenwissen. Über den Nutzen dieser Arbeitsform für die Arbeitskräfte selber wird hingegen heftig debattiert. Während Arbeitsmarktintermediäre die Position vertreten, dass die Arbeit als Gig-Worker Vielseitigkeit, Flexibilität in der Lebensgestaltung und die Möglichkeit bietet, Berufserfahrungen zu sammeln, kritisieren Gewerkschaften die Beschäftigungsunsicherheit, die unklare Sozialversicherungssituation und schlechte Arbeitsbedingungen generell. Nur die Gig-Worker selber scheinen in der Debatte nicht zu Wort zu kommen, so gelten sie als nicht gut organisiert und schwer zu erreichen.

Die «ausgeschlossenen» Arbeitskräfte

Auch die Forschung hat Gig-Worker bislang weitgehend von der Betrachtung ausgeschlossen. Sie geht auch heute mehrheitlich noch von dem Paradigma des klassischen Anstellungsverhältnisses aus. Demnach verweilt eine Person mehrere Jahre in einem Unternehmen und steigt, sofern entsprechend gefördert, die Karriereleiter empor. Das klassische Verständnis von Karriereerfolg ist daher gleichbedeutend mit dem hierarchischen Aufstieg innerhalb eines Unternehmens.

Doch für Gig-Worker gelten andere Regeln und Massstäbe, wie sich an zwei repräsentativen Beispielen illustrieren lässt. Da ist zum Beispiel – ein fiktiver, aber durchaus möglicher Fall – Daniel. Der 39-jährige Informatiker kündigte vor vier Jahren seine langjährige Stelle. Seither arbeitet er immer wieder an Projekten für verschiedene Unternehmen. Er schätzt an der unabhängigen Arbeit die Abwechslung, die Möglichkeit, zwischendurch länger zu reisen, und die Tatsache, sich nicht mit Firmenpolitik herumschlagen zu müssen. Probleme, neue Einsätze zu finden, hat Daniel nicht. Er ist gut vernetzt.

Auf der anderen Seite gibt es Amira. Die 21-jährige wurde nach ihrer Lehre im Detailhandel nicht vom Ausbildungsbetrieb übernommen und hält sich seither mit gelegentlichen Einsätzen als Aushilfe im Verkauf über Wasser. Sie erachtet dies als bessere Alternative zur Arbeitslosigkeit, erhofft sich, so auf dem Laufenden zu bleiben und schätzt das Gefühl, nach einem Einsatz etwas geleistet zu haben. Sie wohnt derzeit noch bei den Eltern, woran sich ohne regelmässigeres Einkommen vorerst auch nichts ändern wird.

Genauso wie von Daniel und Amira sind die Lebensgeschichten und Motive von Gig-Workern vielseitig. Dennoch gibt es einen gemeinsamen Nenner: Die Einkommenssicherheit und das Empfinden, dass die Arbeit zu einem guten, erfüllten Leben beiträgt, sind für Gig-Worker wesentliche Elemente für das Verständnis von Karriereerfolg.

Forschung, die hilft, Türen zu öffnen

Für den Karriereerfolg von Gig-Workern gilt es, ajour zu bleiben, denn der Karriereerfolg ist davon abhängig, wie stark das Profil einer Arbeitskraft am Arbeitsmarkt nachgefragt wird. Mehr noch, die Sicherung der Arbeitsmarktfähigkeit verlangt von Gig-Workern viel Eigenverantwortung und proaktives Handeln. Sie müssen sich selber um den Aufbau und die Pflege von arbeitsmarktfähigen Kompetenzen sowie ein geschicktes Karrieremanagement (etwa Aufbau eines Netzwerks) kümmern.

Hier setzt das Forschungsprojekt «Career Success 4.0» am Center für Human Ressource Management an. Es steht unter der Leitung von Dr. Manuela Morf; von der Universität Luzern am Projekt beteiligt ist zudem Dr. Anna Sender. Im Zentrum steht die Frage, welche relevanten Karrieretreiber und Kompetenzen bei der unabhängigen Arbeit wichtig sind. Zudem werden spezifische Handlungsempfehlungen entwickelt, die Gig-Workern bei der Förderung des finanziellen und persönlichen Karriereerfolgs helfen sollen, und diese werden mit ausgewählten Personen unter realen Bedingungen getestet. Für die Datensammlung gelangt eine Mobile-App zum Einsatz, die es erlaubt, die Gig-Worker entsprechend zu begleiten.

Das Forschungsvorhaben verfügt über das Potenzial, drei wesentliche Beiträge zu leisten: Erstens kann es zum besseren Verständnis darüber beitragen, wie Erfolg in der unabhängigen Arbeit über die Zeit zustande kommt. Zweitens hilft es, relevante Karrierekompetenzen zu identifizieren. Drittens können die entwickelten Handlungsempfehlungen Gig-Worker darin unterstützen, über Unternehmensgrenzen hinweg beruflich erfolgreicher zu sein.

Unterstützt wird die Forschung durch eine Spark-Finanzierung des Schweizerischen Nationalfonds (SNF). Mit dem neuen Instrument fördert der SNF originelle und unkonventionelle Forschungsideen, so dass diese getestet, weiterentwickelt und implementiert werden können. Somit ermöglicht Spark die Suche nach geeigneten Werkzeugen, die Gig-Worker befähigen sollen, berufliche Türen selber zu öffnen.

Manuela Morf


Quelle: Jahresbericht der Universität Luzern 2019, Juni 2020, S. 34–36