Eine Kultur schaffen, in der wissenschaftliche Grundlagen kontinuierlich ins Gesundheitssystem integriert und darauf gestützte Lösungsansätze zu gesundheitspolitischen Fragestellungen erarbeitet und umgesetzt werden: Unter anderem dies wird mit dem "Swiss Learning Health System" beabsichtigt.

Tanya Kasper Wicki und Dr. Sarah Mantwill (Mitte l. und r.) bei einem Beratungsgespräch mit Doktorandinnen. (Bild: Roberto Conciatori)

Der demografische Wandel, neue Krankheitsbilder sowie stetig neue Entwicklungen im Zugang zu Ressourcen sind nur einige der Schlüsselfaktoren, die das Schweizer Gesundheitssystem vor immer neue Herausforderungen stellen. Es stellt sich nicht nur die Frage, wie das Wohlergehen des Einzelnen gesichert und verbessert werden kann, sondern auch, wie das Gesundheitssystem in seiner Gesamtheit ausgestaltet sein muss, damit auch künftige Generationen von einer guten medizinischen Versorgung und von bezahlbaren Leistungen profitieren können.

Um diesen Fragen erfolgreich begegnen zu können, ist es von zentraler Bedeutung, den Austausch zwischen Forschung, Politik und Praxis zu fördern und Entscheidungsträgerinnen und -träger dabei zu unterstützen, wissenschaftsinformierte Entscheidungen zu treffen. Ein Vorhaben, das grundsätzlich einfach klingt, sich in der Praxis aber immer wieder als schwierig erweist. Denn selbst wenn die wissenschaftlichen Grundlagen vorhanden sind, heisst das noch lange nicht, dass diese in Entscheidungsfindungen genügend berücksichtigt werden. Barrieren sind unter anderem verschiedene Interessen, ein unterschiedliches Verständnis der Ausgangslage sowie eine fehlende gemeinsame Sprache.

Türöffner zur Politik und Praxis

Hier setzt das Swiss Learning Health System (SLHS) an: Mit dem am Departement Gesundheitswissenschaften und Medizin (GWM) an der Universität Luzern angesiedelten Kooperationsprojekt zwischen verschiedenen Hochschulinstitutionen der Schweiz wird das Ziel verfolgt, den Dialog zwischen Forschung, Politik und Praxis zu verbessern. Als Türöffner zur Politik und Praxis konzipiert, handelt es sich um einen Beitrag, mit dem das Schweizer Gesundheitssystem langfristig gestärkt werden soll. Zudem soll mit dem SLHS eine Kultur geschaffen werden, in der wissenschaftliche Grundlagen kontinuierlich ins Gesundheitssystem integriert und darauf gestützte Lösungsansätze zu gesundheitspolitischen Fragestellungen erarbeitet und umgesetzt werden. Das derzeit durch das Staatssekretariat für Bildung, Forschung und Innovation (SBFI) finanzierte Projekt besteht seit 2017. Die Idee entstand bereits einige Jahre davor am damaligen Seminar für Gesundheitswissenschaften und Gesundheitspolitik an der Universität Luzern, angestossen durch das unter anderem vom Bundesamt für Gesundheit (BAG) formulierte Bedürfnis, die Versorgungsforschung und deren Koordination in der Schweiz zu stärken.

Als Voraussetzung für einen besseren Austausch zwischen Forschung, Politik und Praxis hat das SLHS eine Infrastruktur für sogenannte Lernzyklen aufgebaut. Die Annahme ist, dass ein Gesundheitssystem dann am besten lernt, wenn es auf zyklische Prozesse zurückgreifen kann, die immer wieder neue Fragen generieren; diese werden in die Praxis überführt, und neue Erkenntnisse und Erfahrungen daraus werden wiederum in den Zyklus eingespeist. Mit derzeit zehn akademischen Partnern in der Schweiz ist das SLHS weltweit das erste Projekt dieser Art. Durch die Erarbeitung und Veröffentlichung sogenannter «Policy Brief»-Dokumente sollen spezifische Problemlagen im Bereich Gesundheit dargestellt und entsprechende Handlungsempfehlungen formuliert sowie mit der Durchführung von Stakeholder-Konsultationen und -Dialogen kontinuierlich Diskussionen und Veränderungen im schweizerischen Gesundheitssystem angestossen werden.

Chance für Nachwuchsforschende

Unter der Leitung von Stefan Boes, Professor für Gesundheitsökonomie, begleiten Tanya Kasper Wicki und Dr. Sarah Mantwill als Koordinatorinnen die verschiedenen Prozesse im SLHS. Dazu gehört nebst der Entwicklung von Fragestellungen für Policy Briefs und Stakeholder- Dialoge im Austausch mit dem Netzwerk und mit relevanten Akteuren auch die Betreuung von Doktorierenden. Im Rahmen des SLHS-Doktoratsprogramms werden spezifische Kurse im Bereich «Learning Health Systems» angeboten. Die jungen Forscherinnen und Forscher haben die Möglichkeit, bereits während ihres Doktorats hautnah den Weg von der Forschung in die Praxis und Politik mitzuerleben. Renata Josi, Doktorandin an der SUPSI in Lugano und am Luzerner Departement GWM, ist nur ein Beispiel für den Werdegang von SLHS-Doktorierenden. Im engen Austausch mit dem «Institut für Hausarztmedizin & Community Care Luzern» entwickelte Josi ergänzend zu ihrer Dissertation einen Policy Brief zum Thema «Pflegeexpertinnen APN in der Hausarztpraxis. Wie kann der Einsatz von Pflegeexpertinnen und -experten APN in neuen Modellen der medizinischen Grundversorgung gefördert werden?». Dieses Dokument war die Grundlage für einen erfolgreichen Stakeholder-Dialog, der unter anderem Fachpersonen aus Politik, Bildung, Versicherungswesen sowie Vertreter aus der Praxis zusammenbrachte. Nach intensiven Gesprächen schlugen die Teilnehmenden konkrete Massnahmen zur breiteren Bekanntmachung des Rollenprofils von Pflegeexpertinnen und -experten APN in der Praxis und zur Förderung ihrer Akzeptanz vor. Eine weitere Idee war, ein juristisches Grundlagendokument erarbeiten zu lassen, das die aktuelle rechtliche Situation und mögliche Änderungen auf gesetzlicher Ebene zusammenfasst.

Auch Martina Tollkühn, Doktorandin bei Professor Adrian Loretan am Lehrstuhl für Kirchenrecht
und Religionsverfassungsrecht an der Universität Luzern, konnte in ihrem Policy Brief zum Thema «Spitalseelsorge und Datenschutz» aufzeigen, dass das SLHS ein erfolgreiches interdisziplinäres Projekt ist, das über die klassischen Gesundheitswissenschaften hinausgeht, und dass auch junge Akademikerinnen und Akademiker einen effektiven Beitrag zur Praxis leisten können.

Konferenz in Luzern

Am 2./3. September 2020 findet mit der Swiss Public Health Conference eine grosse Veranstaltung in Luzern statt, deren Oberthema «From Evidence to Public Health Policy and Practice» ans SLHS anknüpft. Die Universität Luzern ist Gastgeberin der gemeinsam von Public Health Schweiz und der Swiss School of Public Health (SSPH+) durchgeführten Konferenz, die als wichtige Schnittstelle Akteure aus Politik, Praxis und Forschung zusammenbringt.

Sarah Mantwill und Tanya Kasper Wicki


Quelle: Jahresbericht der Universität Luzern 2019, Juni 2020, S. 38–40