Gerade in den deutschsprachigen Ländern werden traditionell-jüdische Quellen zum Christentum und entsprechende jüdisch-orthodoxe Positionen kaum wahrgenommen. Das möchte Jörg Ahrens mit seiner Forschung ändern.

Dr. des. Jörg Ahrens in der Synagoge Baden. (Bild: Markus Forte)

In den letzten zwei Jahrzehnten hat sich der Dialog zwischen Judentum und Christentum stetig intensiviert – quantitativ und qualitativ. Spätestens durch die Veröffentlichung der beiden internationalen jüdisch-orthodoxen Erklärungen «Den Willen unseres Vaters im Himmel tun. Hin zu einer Partnerschaft zwischen Juden und Christen» (2015) und «Zwischen Jerusalem und Rom. Gedanken zu 50 Jahren Nostra Aetate» (2017) im Zusammenhang mit dem Jubiläumsjahr von Nostra Aetate 2015 stellt sich zunehmend die Frage, ob es eine jüdische Theologie des Christentums und damit auch eine theologische Dimension des christlich-jüdischen Dialogs geben kann.

Für Forschung nach Southampton

Die beiden Erklärungen beziehen sich auf verschiedene traditionelle Quellen für die theologische Bewertung des Christentums. Dazu gehören unter anderem Werke von Moses Maimonides und Jehuda Halevi aus dem Mittelalter, solche von den neuzeitlichen Rabbinern Jacob Emden, Samson Raphael Hirsch, Naftali Zvi Berliner und Moses Rivkis sowie von den zeitgenössischen Rabbinern Joseph B. Soloveitchik und Shear Yashuv Cohen. Die Werke und Aussagen der genannten Rabbiner wurden und werden allerdings kontrovers diskutiert. Sowohl in den beiden Dokumenten selbst als auch in der innerjüdischen Rezeption wurden die Aussagen der Rabbiner, beziehungsweise Zitate aus deren Werken, unterschiedlich bewertet, teilweise sogar völlig gegensätzlich. Manchmal kam sogar die Behauptung auf, das Christentum sei Awoda sara (hebr. «fremder Kult»). Was ist nun aber tatsächlich die Haltung der jüdischen Orthodoxie zum jüdisch-christlichen Dialog? Was sind die zentralen Positionen der traditionellen jüdischen Quellen zum Christentum? Ist Christentum mehr als nur ein «fremder Kult»? Um die in den Dokumenten genannten Quellen kritisch und im Kontext auf Inhalt und Aussage hin zu untersuchen, forsche ich seit Januar 2020 am Parkes Institute und den Anglo-Jewish Archives an der University of Southampton in England. Der eineinhalb Jahre dauernde Aufenthalt wird durch ein Early-Postdoc.Mobility-Stipendium des Schweizerischen Nationalfonds gefördert.

Das Parkes Institute ist das älteste und eines der weltweit führenden Zentren für Studium und Forschung der jüdisch-christlichen Beziehungen. Es ist spezialisiert auf jüdische Geschichte, Literatur und Kultur sowie auf die Geschichte des britischen, deutschen, südafrikanischen und osteuropäischen Judentums. Zu den Veröffentlichungen des Parkes Institute gehören drei internationale Zeitschriften. Die institutseigene Bibliothek und die Archive stellen eines der grössten jüdischen Dokumentationszentren in Europa dar. Die Bibliothek beinhaltet über 30'000 Werke aller Disziplinen jüdischer Studien vom 15. Jahrhundert bis in die Gegenwart. Viele Werke der Primär- und Sekundärliteratur befinden sich hier. Einer der Schwerpunkte sind die jüdisch-christlichen Beziehungen, insbesondere die Geschichte der Beziehungen zwischen den beiden Religionen, einschliesslich Aspekte des Dialogs im Laufe der Jahrhunderte. Das Institut wird durch eine der grössten Sammlungen jüdischer Archive in Europa ergänzt, die aus Hunderten von privaten und institutionellen Nachlässen mit Millionen von Einzelobjekten besteht.

Fast unbekannte Perspektive

Meine Forschung in England soll Türen zum Verständnis des Judentums öffnen. Gerade in den deutschsprachigen Ländern werden traditionell-jüdische Quellen zum Christentum und entsprechende jüdisch-orthodoxe Positionen kaum wahrgenommen. Die fast einhellige Meinung ist, dass sich nur wenige, meist aus dem Reformjudentum stammende Juden am Dialog mit dem Christentum beteiligen. Dialog sei nicht überall erwünscht, schon gar nicht innerhalb der Orthodoxie. Bestenfalls wird die jüdisch-orthodoxe Haltung als zwiespältig beschrieben. Selbst dort, wo die Besonderheiten des jüdisch-christlichen Gesprächs festgestellt und Entwicklungen beschrieben werden, fehlen die jüdisch-orthodoxen Pioniere und Protagonisten. Die Rolle der orthodoxen Rabbiner beim Aufbau eines institutionellen Dialogs nach dem Zweiten Weltkrieg in Europa – gerade auch in Mitteleuropa – und die jüngeren Entwicklungen der letzten 15 bis 20 Jahre auf jüdisch-orthodoxer Seite in Bezug auf den jüdisch-christlichen Dialog scheinen völlig unbekannt. Eine zusammenhängende wissenschaftliche Untersuchung im deutschsprachigen Raum zu den traditionellen jüdischen Quellen zum Christentum, der daraus folgenden orthodoxen Haltung zum jüdisch-christlichen Dialog und deren theologische Positionen und Entwicklungen gibt es nicht.

Diesem Desiderat möchte ich mit dem Projekt, dessen Titel «Eine jüdische Theologie des Christentums? Traditionelle jüdische Quellen zum Christentum» lautet, begegnen. Zum ersten Mal sollen systematisch die wichtigsten Beiträge ab dem 18. Jahrhundert von orthodoxen Rabbinern aus Europa, den USA und Israel in Bezug auf das Christentum und die Beziehungen von Juden und Christen untersucht und die theologischen Positionen aufgezeigt werden. Es ist geplant, die Entwicklungen, auch die Reaktionen auf christliche Entscheidungen und die Erfahrungen des christlich-jüdischen Dialogs, in einen Gesamtkontext zu stellen. Einige Archivdokumente wurden bisher noch nicht wissenschaftlich aufgearbeitet. Das Projekt wirft daher den Blick auf eine bislang fast unbekannte Perspektive des jüdisch-christlichen Dialogs. Es ergänzt auch ein Stück Schweizer (Dialog-)Geschichte, denn ein besonderes Augenmerk gilt Rabbinern in Deutschland und der Schweiz, die einen wichtigen Beitrag zu den theologischen Grundlagen und zur organisatorischen Struktur des institutionellen christlich-jüdischen Dialogs in Europa geleistet haben.

Dabei soll auch herausgearbeitet werden, woher die jeweiligen theologischen Positionen kommen und warum sie variieren. Das beinhaltet auch die Frage nach Entwicklungen dieser Positionen durch die Erfahrungen des christlich-jüdischen Dialogs oder anderer Zusammenarbeit mit christlichen Akteuren (beispielsweise die gemeinsame Bekämpfung des Antisemitismus). Es gilt aufzuzeigen, wie bestimmte theologische Konzepte immer wieder als Quelle für eine Haltung zum Christentum dienten, auch die oben genannten rabbinischen Erklärungen von 2015 und 2017. Schon jetzt kommt zum Vorschein: Die traditionellen jüdischen Quellen, vor allem aus dem 19. und 20. Jahrhundert, bilden das Fundament nicht nur der jüdisch-orthodoxen Dokumente zum Christentum, sondern auch einer noch zu entwickelnden jüdischen Theologie des Christentums. Dieser Prozess hat gerade erst begonnen, ist aber bereits im Gange.

Jörg Ahrens


Jörg Ahrens studierte für seinen Bachelor an der Bar-Ilan-Universität (Israel) sowie der Jüdischen Universität in Budapest (Ungarn) und schloss anschliessend mit einem Master an der Cambridge University ab. Er promovierte 2019 an der Universität Luzern im Rahmen des Nationalfonds-Projekts «Die Konferenz von Seelisberg (1947) als ein internationales Gründungsereignis des jüdisch-christlichen Dialogs im 20. Jahrhundert » unter der Leitung von Prof. Dr. Verena Lenzen.


Quelle: Jahresbericht der Universität Luzern 2019, Juni 2020, S. 22–24