Genossenschaftsunternehmen sind – im Gegensatz zur kapitalistisch strukturierten Aktiengesellschaft – personenbezogene Körperschaften. Im Unterschied zu anderen Gesellschaftsformen ist der Gesellschaftszweck der Genossenschaft verbindlich vorgegeben: Sie muss ihren Mitgliedern grundsätzlich bestimmte wirtschaftliche Vorteile verschaffen, nicht lediglich deren Kapitalinteressen befriedigen. – Diese und weitere Besonderheiten der Rechtsform rufen interessante Rechtsfragen hervor, allen voran die, ob eine Regulierung, die an der Aktiengesellschaft ausgerichtet ist, jeweils ohne Weiteres auf die Genossenschaft übertragbar ist bzw. sein sollte.

Wir verfolgen folgende Ziele:

  • Grundlagenforschung zum Genossenschaftsrecht
  • Forschungsprojekte zu konkreten Fragestellungen aus der Unternehmenspraxis
  • Pflege eines Netzwerkes zwischen Wissenschaft und Praxis: Auf diese Weise werden einerseits Forschungsergebnisse den Unternehmen zur Verfügung gestellt, andererseits fliessen Impulse aus der Praxis in die wissenschaftliche Grundlagenforschung ein.

Personen

Dr. Nadja Fabrizio

Wissenschaftliche Oberassistentin

Leitung Fokus Genossenschaften

T +41 41 229 54 78 • Raum 4.B44 • nadja.fabrizioremove-this.@remove-this.unilu.ch

Mehr Infos zu Dr. Nadja Fabrizio
 

Projekte

Überarbeitung der Kommentierung „Die Genossenschaft, Lieferung I: Systematischer Teil und Art. 828-838 OR“ im Berner Kommentar zum schweizerischen Privatrecht

Dr. N. Fabrizio, M. Köpfli, MLaw, RA und Prof. Dr. S. Kilgus

Trotz der gesellschaftlichen und wirtschaftlichen Bedeutung genossenschaftlich strukturierter Unternehmen fehlt eine aktuelle, umfassende wissenschaftliche Abhandlung zum Schweizer Genossenschaftsrecht, welche Fragestellungen aus der Unternehmenspraxis ebenso berücksichtigt, wie grundlegende Unterschiede zwischen der Genossenschaft und Gesellschaften anderer Rechtsform. Diese Lücke soll mit der Überarbeitung des Berner Kommentar zum Genossenschaftsrecht, die auf der Kommentierung von Prof. Dr. Peter Forstmoser aus dem Jahr 1972 beruht, geschlossen werden.

Organisationsstrukturen im Unternehmen im Umbruch

Dr. N. Fabrizio

Neue Organisationsmodelle wie «Holacracy» relativieren Funktionen und Hierarchien im Unternehmen – Relativieren sie auch die Verantwortlichkeit?

«Holocracy» soll Innovationskraft und Unternehmergeist stärken, indem klassische hierarchische Strukturen und Funktionen im Unternehmen abgeschafft werden; Entscheidungen sollen von den für den betreffenden Bereich zuständigen Mitarbeitern selbst gefällt werden können.

Doch wie verträgt sich die holokratische Organisationsform mit der zwingenden gesetzlichen Aufgaben- und Kompetenzverteilung in einer AG gemäss Schweizer Obligationenrecht? Und wie wirkt sich die Beseitigung der klassischen Aufgaben-/Kompetenzverteilung auf die Haftungssituation für den Verwaltungsrat und den solche Entscheidungen treffenden Mitarbeiter aus?

Der Beitrag soll Sensibilität für haftungsrechtliche Fragen bei Einführung moderner Organisationsmodelle wecken und allenfalls Lösungen aufzeigen.

Zukunftssicherung der Genossenschaften. Handlungsbedarf von Genossenschaftsunternehmen zur Generation Y und Z in der Rolle als Mitglieder, Mitarbeiter, Kunden und Gründer

Cornelia Amstutz, lic.rer.soc.

Im Auftrag der IG Genossenschaften soll sich die Studie mit folgender Frage befassen: Was können Genossenschaften tun, um die Personen der Generationen Y und Z für folgende Funktionen zu gewinnen:

  • als Genossenschafter von bestehenden Genossenschaften
  • als Mitarbeiter von Genossenschaften
  • als Kunden von Genossenschaften
  • als Gründer von neuen Genossenschaften

Das Projekt soll konkrete Handlungsempfehlungen für die Genossenschaften aufzeigen. Der Forschungsbericht liegt Anfang 2019 vor.

Practices Shaping the Success of Swiss SMEs in Global Markets (Was erfolgreiche Schweizer KMU über Jahre am Weltmarkt richtig gemacht haben)

Eine Feldstudie unter der Leitung von Prof. (em.) Jean-Pierre Jeannet

Mitglieder des Projektteams

  • Prof. Jean-Pierre Jeannet (Prof. Emeritus IMD Institute (Lausanne) and Babson College (Boston, MA)). Lausanne/Wien
  • Prof. Thierry Volery, KMU Institut, HSG, St. Gallen
  • Dr. Heiko Bergmann, KMU Institut, HSG, St. Gallen
  • Dr. Christian Waldvogel, Renaissance Management SA, Lausanne
  • Cornelia Amstutz, WIRE, Universität Luzern

In der Feldstudie werden ausgesuchte («by invitation only») Schweizer KMU's aus verschiedenen Branchen, die exportorientiert agieren, technologisch zur Weltspitze gehören und auch heute einen Erfolg vorweisen untersucht. Die Firmen haben zwischen 25 und 500 Millionen Umsatz, sind privat oder börsenkotiert und in einem beträchtlichen Teil des Zeitraumes von ca. 1946 bis 2016 aktiv. Erstmals werden mit einer Timeline-Studie die Gründe für den nachhaltigen Erfolg von innovativen und exportorientierten Schweizer KMU dokumentiert (bisher gab es nur Momentaufnahmen). Die englische Publikation ist für 2019 vorgesehen.

Abgeschlossene Projekte

Basler Kommentar zum KVG/KVAG, Kommentierung von Art. 1-3 KVAG

Dr. N. Fabrizio, M. Köpfli, MLaw, RA und I. Jovanovic, MLaw

Das Bundesgesetz vom 18. März 1994 über die Krankenversicherung (KVG) war primär auf die Finanzierung der sozialen Krankenversicherung ausgerichtet. Bei der Erarbeitung des KVG war die Aufsicht über die Krankenversicherung noch weniger bedeutend. Mit dem auf den 1.1.2016 in Kraft getretenen Krankenversicherungsaufsichtsgesetz (KVAG) und dem revidierten KVG sollte diese Lücke geschlossen werden und Verbesserungen im Bereich der finanziellen Sicherheit und der Unternehmensführung von Krankenversicherern, der Befugnisse und Kompetenzen der Aufsichtsbehörden sowie der Strafbestimmungen geschaffen werden. Der Basler Kommentar zum KVG/KVAG wird eine umfassende, zusammenhängende Kommentierung der beiden Gesetze enthalten.
N. Fabrizio, M. Köpfli und I. Jovanovic haben im KVAG die Vorschriften des 1. Kapitels («Allgemeine Bestimmungen», Art. 1–3 KVAG) kommentiert.
Veröffentlichung in: Blechta/Colatrella/Rüedi/Staffelbach (Hrsg.), Basler Kommentar zum KVG/KVAG, Basel Feb. 2019.

Besteuerung der Genossenschaften de lege lata – Zwingt das Steuerrecht zur Preisgabe der genossenschaftlichen Identität?

Dr. N. Fabrizio

Genossenschaften bezwecken gemäss Gesetz in der Hauptsache die Förderung bestimmter
wirtschaftlicher Interessen ihrer Mitglieder. Tatsächlich gewähren Genossenschaften geldwerte
Vorteile aber i.d.R. unterschiedslos auch an Nichtmitglieder. Dieser Artikel geht den
Fragen nach, was die Gründe hierfür sind, wie über spezifische Leistungen an die Mitglieder
berichtet wird und welchen Einfluss das geltende Steuerrecht insofern hat.

 

Die Genossenschaft im Zeitalter der Digitalisierung

M. Köpfli MLaw, RA und M. Perret, MLaw

Eine «de lege lata»-Analyse der Zulässigkeit eines digitalen Genossenschaftsbeitritts
«per Klick» sowie Empfehlungen an den Gesetzgeber «de lege ferenda».
Für den Genossenschaftsbeitritt ist eine schriftliche Beitrittserklärung notwendig. Gewisse
Genossenschaften offerieren auf ihren jeweiligen Internetseiten die Möglichkeit des elektronischen
Beitritts. In diesem Artikel soll überprüft werden, ob dieses Vorgehen mit dem
Gesetz vereinbar ist. Weiter soll aufgezeigt werden, welche (weiteren) digitaltechnischen Prozesse
den bestehenden gesetzlichen Anforderungen gerecht werden.

Genossenschaftliche Identität und Wachstum mit sozialökologischem Imperativ – eine empirische Befragung der Schweizer Bevölkerung mit Daten von 2011 und 2016

Prof. (FH) Dr. A. Jungmeister, Dr. H. Gernet, C. Amstutz und L. Golder

Die repräsentative empirische Untersuchung in der Schweizer Bevölkerung untersucht
Grundfragen zu genossenschaftlicher Identität und genossenschaftlichem Wachstum. Vor
dem Hintergrund einer wachstumskritischen Stimmung in der Schweizer Bevölkerung wird das
genossenschaftliche Wachstum positiver gesehen, die Genossenschaften unterliegen jedoch
dem «sozial-ökologischen Verhaltensimperativ», d.h. nur als gesellschaftlich positiv erlebten
Unternehmen wird Wachstum zugestanden, andere sollen eher schrumpfen. Dabei profitiert
die Rechtsform Genossenschaft in den Augen der Bevölkerung von einem sehr hohen, zeitlich
stabilen Vertrauen. Die konstituierenden Merkmale der Genossenschaft («DNA Elemente
») werden ebenfalls, im Zeitverlauf nahezu unverändert, als positiv erlebt.

Habilitation / Dissertationen

Leistungsbeziehungen in Genossenschaftsgruppen – eine gesellschafts-, rechnungslegungs- und steuerrechtliche Betrachtung

Habilitation Laufendes Projekt, Dr. N. Fabrizio

Genossenschaften können ihren Mitgliedern unterschiedliche Arten von Leistungen zukommen
lassen (z.B. verbilligte Waren, Dienstleistungen oder Darlehenszinsen). Handelt es
sich bei dem Genossenschaftsmitglied jedoch um eine angeschlossene Genossenschaft im
Genossenschaftsverband oder eine Konzerngesellschaft einer Genossenschaftsgruppe, können
entsprechende Leistungen auch gruppeninterne Dienstleistungen (z.B. besondere Finanzierungskonditionen
oder die Einräumung von Marken- und Nutzungsrechten) sein. Wie in
anderen Unternehmenszusammenschlüssen auch stellen sich insofern die Fragen: Wie sind
diese Leistungen zu quantifizieren und buchhalterisch sowie steuerlich korrekt zu erfassen?
Handelt es sich bei den an der Leistungsbeziehung beteiligten Unternehmen jedoch um Genossenschaften,
werden diese Fragen zusätzlich aufgeladen durch den Umstand, dass die gewährten
Leistungen nicht notwendig Bestandteil schuldrechtlicher Verträge sind; sie können
auch Ausfluss des genossenschaftlichen Förderauftrags im Sinne von Art. 828 Abs. 1 OR –
und damit gesellschaftsrechtlicher Natur – sein. Dies hat Konsequenzen aus Sicht des Gesellschafts-,
Rechnungslegungs- und Steuerrechts. Die Arbeit untersucht diese Konsequenzen
und zeigt mögliche Lösungen auf.

 

Die Bewältigung einer Unternehmenskrise - Analyse der rechtlichen Rahmenbedingungen von ausgewählten finanziellen Sanierungsmassnahmen und Handlungsempfehlungen an den Gesetzgeber aus unternehmerischer Sicht

Dissertation Laufendes Projekt, M. Perret, MLaw

Das Leben eines Unternehmens ist wie das wirtschaftliche Umfeld, in dem es sich befindet, von einem Auf und Ab geprägt. Befindet sich ein Unternehmen in wirtschaftlicher Schieflage, sieht sich das Management mit höchst komplexen Fragestellungen konfrontiert. Die Bewältigung einer Unternehmenskrise funktioniert nach betriebswirtschaftlichen Prinzipien, die ihre Grenze in der rechtlich-regulatorischen Unternehmensumwelt finden. Die rechtliche Begrenzung des unternehmerischen Handlungsspielraums wird von den in eine Sanierung involvierten Stakeholdern oft als störend und verhindernd empfunden. In diesem Zusammenhang stellt sich sie Frage, ob die aktuell gültigen sanierungsrechtlichen Rahmenbedingungen zweckmässig ausgestaltet sind oder ob sie möglicherweise abgeändert werden sollen, sodass sie zukünftig Sanierungen nicht stören und verhindern, sondern effektiv fördern. Zur Beantwortung dieser Frage werden in dieser Arbeit ausgewählte finanzielle Sanierungsmassnahmen aus Sicht des Gesetzgebers, aus Sicht der involvierten Stakeholder (Gläubiger, Aktionäre, Arbeitnehmer, Staat, Landesbevölkerung usw.) sowie aus Sicht des sanierungsbedürftigen Unternehmens analysiert. Sodann wird mit den daraus gewonnenen Erkenntnissen in einer Synthese versucht, Regelungen vorzuschlagen, welche die verschiedenen Interessen besser berücksichtigen, um dadurch dem sanierungsbedürftigen Unternehmen sowie dessen Stakeholdern die Sanierung zukünftig zu erleichtern.

 

Wesentliche Publikationen

  • Taisch, F., Jungmeister, A., Fabrizio, N. (2017). Corporate Governance von Genossenschaftsunternehmen. Zürich/St. Gallen: Dike Verlag AG.
  • Jungmeister, A., Gernet, H., Amstutz, C., Golder, L. (2016). Genossenschaftliche Identität und Wachstum mit sozial-ökologischem Imperativ – eine empirische Befragung der Schweizer Bevölkerung mit Daten von 2011 und 2016, in: Identität und Wachstum von Genossenschaften/Cooperative Identity and Growth, 18th proceedings of the ICCS 2016, S.187-203, St. Gallen: Verlag Raiffeisen Schweiz.
  • Fabrizio, N. (2016). Besteuerung der Genossenschaften de lege lata – Zwingt das Steuerrecht zur Preisgabe der genossenschaftlichen Identität? in: Identität und Wachstum von Genossenschaften/Cooperative Identity and Growth, 18th proceedings of the ICCS 2016, S. 251-264, St. Gallen: Verlag Raiffeisen Schweiz.
  • Köpfli, M., Perret, M. (2016). Die Genossenschaft im Zeitalter der Digitalisierung, in: Identität und Wachstum von Genossenschaften/Cooperative Identity and Growth, 18th proceedings of the ICCS 2016, S. 547-558, St. Gallen: Verlag Raiffeisen Schweiz.
  • Jungmeister, A., Amstutz, C. (2018). Strategisches Wachstum und Identität von Genossenschaften bei Grünfeld – eine kritische Reflexion, geplante Veröffentlichung in: Tagungsband der IWE GK, Halle: Universitätsverlag Halle-Wittenberg.