Gletscher: Die stummen Zeugen menschlicher Zerstörung

Marcel Hänggi, Initiator der Gletscher-Initiative, offenbart in seinem Gastvortrag an der Universität Luzern, welche Rolle Narrative rund um Schweizer Gletscher im Kampf gegen den Klimawandel spielen.

Morteratsch 2020: "Die Hälfte der Tour, die mich damals über den Gletscher geführt hat, würde mich jetzt nur übers Geröll führen." (Bild: mats_speicher/unsplash)

Letztes Jahr wurde der Pizolgletscher beerdigt. Zusammen mit ihren Partnerinnen und Anhängern hat die Gletscher-Initiative die Trauerzeremonie durchgeführt und Abschied von dem eisigen Riesen genommen. Das Eismassiv war nämlich so sehr geschrumpft, dass es nicht mehr als Gletscher eingestuft werden konnte.

Welchen Sinn hat es, diesen gewaltigen Naturformationen nachzutrauern und sie wie Personen zu bestatten? Welche Rolle spielen solche Narrative im Kampf gegen den Klimawandel? Was will die Gletscher-Initiative erreichen? Die Antworten auf diese Fragen offenbarte Marcel Hänggi in seinem Gastvortrag an der Universität Luzern. Am 23. November 2020 traf sich der Journalist, Lehrer und Buchautor mit Prof. Dr. Boris Previšić sowie zirka dreissig interessierten Studentinnen und Studenten per Videokonferenz. Der Vortrag fand innerhalb des Seminars “Reduit als Quarantäne?” an der Kultur- und Sozialwissenschaftlichen Fakultät statt. Was hatte Hänggi zu sagen?
 

"Es ist zu spät, um die Gletscher zu retten"

Anders, als man aus ihrem Namen entnehmen würde, geht es der Gletscher-Initiative nicht darum, diese vereisten Kolosse, die Wahrzeichen eines Landes, eines Volkes und einer anderen Zeit vom Vergehen zu retten und für neue Generationen zu erhalten. "Dafür ist es eh schon zu spät", sagt Hänggi. "Die Gletscher sind vielmehr ein Menetekel". Sie sind also Zeichen eines bevorstehenden Unheils. Wie die Worte, die auf der Wand des biblischen Königs Belsazar standen und ihm sein Verhängnis prophezeiten, ragen auch die Gletscher unheilverkündend in der Ferne auf. Was meinen diese stummen Zeugen menschlicher Zerstörung? Hänggis Initiative hat ihre Botschaft entziffert und leitet sie an die Schweizer Bevölkerung weiter. Die Gletscher wollen sagen: “Was uns geschieht, geschieht auch euch”. Der Klimawandel, der ihrem Schmelzen zugrunde liegt, droht auch uns.
 

Mehr als bloss Gletscher

Die Initiative fordert netto null Treibhausgas-Emissionen bis 2050. “Es ist ein Ziel, das nicht leicht zu erreichen ist.” Deshalb sei es umso wichtiger, die Menschen auf die richtige Weise zu bewegen. "Ein humanitäres Argument alleine reicht nicht aus, um Leute zur Veränderung zu motivieren", behauptet Hänggi. “Blosse Fakten und Informationen genügen auch nicht.” Menschen benötigten einen persönlichen Bezug zum Thema Klimawandel. Man bewege die Leute mit Narrativen, mit Geschichten, Bildern und Emotionen. "Als Kind war ich auf einer Tour auf dem Morteratschgletscher. Die Hälfte der Tour, die mich damals über den Gletscher geführt hat, würde mich jetzt nur übers Geröll führen", so Hänggi. Gletscher können mit Emotionen und Kindheitserinnerungen verbunden werden.
 

Was bleibt?

Jetzt werden die Giganten beerdigt, über deren Erhabenheit man einst staunte. Sie werden zum Symbol dessen, was wir beschützen müssten, obwohl es eigentlich schon zu spät sei. Es gehe um unsere Zukunft, mahnt Hänggi und denkt dabei an seine Kinder und Mitmenschen, die vom Klimawandel betroffen sind und die Hauptlast der Erwärmung tragen werden. Der Klimawandel werde verheerende Folgen für Mensch und Natur herbeiführen. Wir könnten die Erwärmung nicht umkehren, lediglich "stoppen und weiteren Schaden verhindern".

Wenn Zahlen und Fakten den Menschen nicht bewegen, dann formen womöglich Inszenierungen wie die Beerdigung des Pizolgletschers prägende Narrative. So wünscht es sich die Initiative.
 

Dieser Beitrag wurde vom Student Toni Rasic verfasst. Er studiert Philosophie und Ethik im Master.

4. Dezember 2020